Fotos und Nachlese zur Preisverleihung „Wissenschaftsbuch des Jahres“ und Science Talk "Von der Leseförderung zur Leselust: Ein Kunststück?"

Fotocredit: Andy Wenzel/BKA

Audiomitschnitt Preisverleihung "Wissenschaftsbuch des Jahres"

Audiomitschnitt Science Talk

Besser lesen und denken durch Literatur

Wien (APA-Science) - "Leseförderung und Literatur sollten zwingend miteinander zu tun haben", sagt der Germanist Manfred Müller. Gelesen werde mehr als je zuvor, trotzdem gebe es immer mehr sekundäre Analphabeten. Daher gehe es bei der Leseförderung nicht nur um das Lesen an sich, sondern um das Verstehen komplexerer Texte und Mehrdeutigkeiten. "Hier kommt die Literatur ins Spiel."

Ähnlich argumentierte Helga Simmerl, Lehrerin und Schulbibliothekarin des BRG 22/AHS Theodor Kramer Straße, gestern, Montagabend, bei einem vom Bildungsministerium veranstalteten "Science Talk" zum Thema "Von der Leseförderung zur Leselust: Ein Kunststück?". "Wir müssen die Lesekompetenz systematisch fördern, aber auch den Blick auf die Motivation und Freude zum Lesen haben", so Simmerl, die auch Mitglied des Vorstands des Büchereiverbands Österreich ist. Ihre Hauptaufgabe als Schulbibliothekarin sieht sie folglich auch darin, "dass ein gutes Leseklima und eine gute Lesekultur herrscht."

Lesesozialisation in der Schule

Die Lesesozialisation sollte für Stefan Krammer vom Institut für Germanistik der Universität Wien idealerweise bereits in der Schule so weit gefördert werden, dass Schüler zu habituellen Lesern werden. Später im Leben, darin waren sich die Diskutanten einig, ist es ungleich schwerer, aus Lesemuffeln Leseratten zu machen. Knackpunkt sei es, auch solche Kinder zum Lesen zu bringen, "die nicht eine volle Bibliothek zuhause haben oder Eltern, die ihnen vorlesen", so Krammer. Hier seien geeignete Lesefördermaßnahmen in der Schule besonders wichtig, und zwar laut "Grundsatzerlass Leseerziehung" quer durch die Gegenstände. So sei etwa die Gewohnheit, die Schüler im Klassenzimmer reihum lesen zu lassen, didaktisch gesehen ein "No Go", sagte der Germanist.

Die geänderten Lesegewohnheiten durch die Digitalisierung, wonach tendenziell mehr und kürzere Texte gelesen werden, läuft für die Experten einer eingehenden Beschäftigung mit Büchern nicht zuwider. Wohl aber ortet Müller einen Bedeutungsverlust für den klassischen Lesekanon, also eine Art Richtschnur darüber, was nun in der Literatur einen herausragenden Wert besitzt und unbedingt gelesen gehört: "Ein Lesekanon in der Form existiert nicht mehr", so der Geschäftsführer der Österreichischen Gesellschaft für Literatur. Habe es früher zum guten Ton gehört, den Mann ohne Eigenschaften (Robert Musil) - angeblich - gelesen zu haben oder "Der Name der Rose" (Umberto Eco), sei das literarische Wissen und Interesse unter jungen Menschen nun generell breiter.

"Freiheitsgewinn kognitiver Natur"

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP), der im Vorfeld der Diskussion die Preise für die Wissenschaftsbücher des Jahres überreichte, zählte zu den Dilemmata des Bildungssystems, "dass wir 14-, 15-Jährige, aber auch 17-, 18-Jährige entlassen, die mit der Kulturtechnik des Lesens nicht wirklich umgehen können". Ohne sinnverstehendes Lesen sei es am Arbeitsmarkt immer schwerer, eine dauerhafte Beschäftigung zu finden. "Leselust ist etwas, das durch ein Bildungssystem erzeugt werden sollte, weil es erschließen sich intellektuelle Freiräume, die man sich selbst eröffnen kann. Das ist ein unglaublicher Freiheitsgewinn kognitiver Natur für jeden Einzelnen", sagte Faßmann.

Die seit 2007 durchgeführte Wahl zum "Wissenschaftsbuch des Jahres" ist eine Aktion des Bildungsministeriums mit dem Verlag Buchkultur. Mit der Initiative soll der Stellenwert des wissenschaftlichen Sachbuches deutlich gemacht werden. Ausgezeichnet wurden die Biografie "Lise Meitner. Pionierin des Atomzeitalters" (David Renner und Tanja Traxler), Eric Kandels Buch "Was ist der Mensch?", die Familiengeschichte "Rothschild. Glanz und Untergang des Wiener Welthauses" (Roman Sandgruber) und das Kinderbuch "So ein Mist" (Melanie Laibl/Lili Richter).

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